Warum Paraguay – Wo meine Geschichte begann

Warum Paraguay? Diese Frage höre ich oft, wenn ich über meine Wurzeln spreche. Warum ausgerechnet dieses kleine Land in Südamerika? Warum nicht ein Ort, den jeder kennt, wie Brasilien oder Argentinien? Nun, weil es einfach meine Geschichte ist.

Ein kleines Stück Paradies
Ich bin in Villarrica* geboren und in Colonia Independencia aufgewachsen – einem Ort, der für mich immer Heimat bleiben wird. Dort, wo die Natur wild und ungezähmt ist, die Menschen herzlich sind und das Leben ein bisschen langsamer läuft. Meine Kindheit war geprägt von unbeschwerten Tagen, kleinen Abenteuern im Garten meiner Großeltern und langen Gesprächen auf der Veranda, während wir Spiele wie „Casita Robada“ oder „Mensch ärgere dich nicht“ spielten.

Viele meiner schönsten Erinnerungen stammen aus der Zeit, die ich mit meiner Oma verbracht habe. Gemeinsam haben wir die Tiere versorgt, den Gemüsegarten gepflegt oder einfach in ihrer Küche gesessen, während sie Geschichten erzählte oder frisch gekochte Mandioca zubereitete – ein Grundnahrungsmittel, dessen Duft ich auch heute noch sofort erkenne.

Auch die Sonntagnachmittage bei Opa Rudy unter dem riesigen Mangobaum waren für mich etwas Besonderes. Diese Momente, in denen die Zeit stillzustehen schien, gehören zu den Erinnerungen, die ich niemals vergessen werde.

Familie und Wurzeln
Meine Wurzeln reichen tief. Meine Urgroßeltern stammen ursprünglich aus Pommern, dem heutigen Elsass und der Region Freiburg. Sie sind vor dem Zweiten Weltkrieg nach Südamerika ausgewandert, um sich dort eine neue Zukunft aufzubauen. Diese Entschlossenheit und der Mut, alles hinter sich zu lassen, prägen auch meine eigene Geschichte. Die Beweggründe meiner Vorfahren werde ich nicht thematisieren, da mir das nötige Wissen darüber fehlt.

Unser Alltag in Paraguay war geprägt von festen Abläufen und einem starken Familienzusammenhalt. Morgens wurde gemeinsam gefrühstückt, dann ging es in die Schule. Zum Mittagessen kamen wir alle wieder zusammen, danach wurden Hausaufgaben gemacht, bevor ich oft den restlichen Nachmittag bei meinen Großeltern verbrachte. Meine Großeltern waren lange die wichtigsten Menschen in meinem Leben. Nach dem Umzug nach Deutschland veränderte sich das allerdings – vor allem zu meiner Oma Frieda und meinem Opa Karl. Vielleicht konnten sie nicht ganz verstehen, warum wir diesen Schritt Richtung Europa gewagt haben. Sie wandten sich dann mehr meinen Cousinen zu, was ich als Jugendliche als schmerzhaft empfand. Rückblickend sehe ich es aber als menschlich an – etwas, das ich heute besser verstehe.

Ein wichtiger Teil meines Alltags war auch die Werkstatt meines Vaters, die direkt neben unserem Wohnhaus lag. Der Geruch von Öl, Benzin und Werkzeugen war allgegenwärtig – ein Kontrast zu den natürlichen Düften aus Omas Küche. Diese Nähe zwischen Arbeit und Familie hat meinen Blick auf das Berufsleben geprägt und mir früh gezeigt, wie wichtig es ist, hart für seine Ziele zu arbeiten.

Mate und Tereré gehörten ebenfalls zum Alltag. Statt Kaffee am Morgen tranken meine Eltern meist Mate, und an heißen Tagen war Tereré ein Muss – ein kaltes, erfrischendes Getränk, das man am besten in Gesellschaft genießt.

Zwischen zwei Welten – Sprache und Kultur
Als Kind empfand ich es als selbstverständlich, zwischen zwei Kulturen zu leben. Erst in Deutschland wurde mir bewusst, wie unterschiedlich diese Welten wirklich sind. Deutschland ist geprägt von Regeln, Vorschriften und einer gewissen Ordnung, die mir anfangs fremd erschien, die ich aber schnell zu schätzen lernte. Trotzdem vermisse ich die Leichtigkeit von Paraguay – die Wärme, die offenen Gespräche und die Freiheit, die ich dort als Kind erleben durfte.

Gefangen zwischen zwei Welten
Ich fühlte mich in Paraguay zuhause, weil ich dort geboren wurde. Doch aufgrund meines Aussehens – blaue Augen, blondes Haar und helle Haut – fiel ich dort immer auf. Hier in Deutschland habe ich mir ein Zuhause aufgebaut, und trotzdem gibt es Momente, in denen ich mich dabei ertappe, bei dem Gedanken „Ich bin keine Deutsche.“ Ich fühle mich weder 100% Paraguayerin noch 100% Deutsche – gefangen irgendwo dazwischen. Aber das ist in Ordnung für mich, nach wie vor profitiere ich von beiden Kulturen.

Ein Ort, der bleibt
Auch wenn ich heute in Bayern lebe, bleibt Paraguay ein wichtiger Teil meiner Identität. Es ist der Ort, an dem ich laufen, sprechen und denken gelernt habe. Ein Ort, an dem die Zeit manchmal stehen zu bleiben scheint, und an dem mein Herz immer einen Platz hat.

Ich war das letzte Mal 2008 in Paraguay, und auch wenn ich mein Leben hier in Deutschland aufgebaut habe, möchte ich, dass mein Mann und vor allem meine Tochter das Land kennenlernen – schließlich gehört es auch zu ihr.

Warum ich das teile?
Vielleicht, um meine Herkunft nicht zu vergessen. Vielleicht, um meiner Tochter eines Tages zu zeigen, wo ein Teil ihrer Wurzeln liegt. Oder einfach, weil Paraguay ein Stück meiner Geschichte ist, die es wert ist, erzählt zu werden…

Möchtet ihr noch mehr darüber erfahren? Dann schreibt mir gerne!

Besitos

Evany

Sopa Paraguaya ist ein traditioneller Auflauf
aus Maismehl, Käse und Zwiebeln,
der oft als Beilage oder Snack serviert wird.
Mandioca
Tereré serviert in einer Guampa mit Bombilla,
oft mit Kräutern und Eiswürfeln
Mate ist ein heißer Aufguss aus Yerba Mate,
der in Paraguay und anderen südamerikanischen
Ländern weit verbreitet ist.

* Villarrica (Paraguay) – Wikipedia für Alle die sich meine Geburtsstadt ansehen möchten 😊

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