Ein neuer Anfang – Ankunft in Deutschland
Als ich 2001 nach Deutschland kam, war es wie der Sprung in eine völlig neue Welt. Baden-Württemberg – schön, grün, aber auch kalt, anonym und voller Menschen. Nach den offenen, weiten Landschaften Paraguays fühlte sich das alles überwältigend an. Es war, als wäre ich plötzlich ein winziger Punkt in einer riesigen, komplexen Welt. Die ersten Wochen hatte ich „frei“, bevor ich in das neue Schuljahr starten konnte. Direkt in unserem Dorf gab es eine Hauptschule, an der ich mich auch direkt anmeldete. Im Nachhinein weiß ich nicht, ob ich das noch einmal so machen würde – aber damals schien es der einfachste Weg zu sein, anzukommen.
Schulzeit – Allein durchkämpfen
In Deutschland habe ich schnell gelernt, dass man vieles selbst regeln muss. Meine Eltern konnten mich schulisch kaum unterstützen – beide waren Vollzeit tätig , da fehlte einfach die Zeit aber auch schlichtweg das Wissen dafür. Das deutsche Schulsystem war für sie genauso fremd wie für mich. Also Augen zu und durch – meine Devise. Ich schloss die Hauptschule ab und machte danach meine Mittlere Reife. Schon früh war mir klar, dass ich mein Leben selbst in die Hand nehmen musste, wenn ich hier Fuß fassen wollte.
Mit 16 suchte ich mir direkt einen Nebenjob – nicht nur, weil ich Geld brauchte, sondern auch, weil ich nicht ständig auf meine Eltern angewiesen sein wollte. Mit Ende 17 meldete ich mich dann, eher spontan, zum Führerschein an. Meine Eltern waren überrascht – vielleicht sogar ein bisschen überrumpelt – aber für mich war es ein wichtiger Schritt in Richtung Unabhängigkeit.
In der Schule habe ich zwar Kontakte geknüpft, aber echte Freunde fürs Leben habe ich dort nicht gefunden. In den ersten zwei Jahren habe ich oft ans Zurückkehren gedacht. 2002 waren wir das erste Mal wieder in Paraguay – anders, aber gleichzeitig vertraut. Am liebsten wäre ich einfach dort geblieben, aber als Minderjährige hatte ich kaum eine Wahl.
2006 habe ich eine Ausbildung zur Hotelfachfrau gemacht – eine spannende Zeit, die mir viel Selbstvertrauen gegeben hat. Später kamen die Ausbildereignung und der Restaurantmeister dazu, auch wenn sich diese Titel oft als Klotz am Bein herausgestellt haben. „Überqualifiziert“ war ein Wort, das ich in Bewerbungsgesprächen oft gehört habe.
Zwischen zwei Kulturen – Sprachbarrieren und Missverständnisse
Das Leben in Deutschland war eine riesige Herausforderung. Das Badische habe ich schließlich akzeptiert – verstehen kann ich es bis heute, sprechen eher weniger. Für meine Tochter bemühe ich mich, Hochdeutsch beizubehalten – das macht alles einfacher. Doch auch wenn ich die Sprache einigermaßen beherrschte, gab es viele kulturelle Unterschiede, die mir oft das Gefühl gaben, zwischen den Welten zu stehen.
Familienbeziehungen – Distanz und Entfremdung
Die Beziehung zu meinen Eltern war von Anfang an schwierig. Vielleicht war sie nie wirklich eng. Ich habe es ihnen lange übel genommen, dass sie mich beim Entscheidungsprozess zur Auswanderung nie einbezogen haben. Dazu kam, dass ich schnell lernen musste, vieles alleine zu regeln – etwas, das ich lange nicht verzeihen konnte. Während ich neugierig bin, weiterkommen und wachsen will, habe ich oft das Gefühl, dass meine Eltern in der Vergangenheit – in Paraguay – hängen geblieben sind. Wir verstehen uns, sehen uns regelmäßig, aber wirklich nahe standen wir uns nie. Durch meine Tochter versuche ich natürlich, den Kontakt etwas enger zu halten. Sie soll schließlich ihre Großeltern um sich haben.
Der Neuanfang im Norden – Aufbruch ins Unbekannte
2014 habe ich schließlich Baden-Württemberg verlassen – und ja, so weit wie möglich. Norddeutschland schien mir der perfekte Ort für einen echten Neuanfang. Ein Befreiungsschlag, um aus alten Gewohnheiten und festgefahrenen Beziehungen auszubrechen. Ich habe diese Entscheidung bewusst für mich und mein Leben getroffen, ohne dass es wieder andere für mich gemacht haben. Diese Entscheidung habe ich nie bereut – mit dem Wissen von heute hätte ich diesen Schritt vielleicht sogar ein oder zwei Jahre früher wagen sollen. Aber nichts im Leben passiert ohne Grund.
Mut zur Veränderung
Mir wurde einmal in einem Seminar unterstellt, dass ich keine Veränderungen mag. Heute kann ich darüber nur schmunzeln. Wenn meine Geschichte eines zeigt, dann dass ich keine Angst vor Veränderungen habe – im Gegenteil. Ich brauche sie, um zu wachsen, meinen Horizont zu erweitern und das Leben voll auszukosten. Vielleicht ist es genau dieser Drang nach Neuem, der mich immer wieder vorwärts treibt.
Und jetzt? Jetzt lebe ich nach 11 Jahren in Norddeutschland wieder im Süden. Möchtet ihr wissen, wie meine Zeit in Norddeutschland war? Dann lasst es mich wissen – vielleicht schreibe ich darüber im nächsten Beitrag.
Hinterlasse einen Kommentar